JENNY JANNOWITZ

JENNY JANNOWITZ

Michel Decar / Premiere am 19. September 2015

Karlo Kollmar erwacht und stellt fest, den Winter verschlafen zu haben. Sein Leben jedoch ist weitergegangen. Sein Chef ist verwandelt, seine Beziehung mit Sabynne beendet – dabei war er eben noch mit Sibylle zusammen – und seine Mutter möchte nur noch mit Vornamen angeredet werden. Also verschläft er auch den Frühling. Doch der Sommer ist nicht besser, denn aus Karlo Kollmar ist Carlo Collmar geworden, die Welt dreht sich schneller, die Städte sind kaum noch auseinanderzuhalten und Carlo fragt sich, was sein Lebenslauf mit seinem Leben zu tun hat …Doch da ist noch Jenny Jannowitz, die nicht nur Straßenkarten malt und Kaninchen verschwinden lässt, sondern vor allem die Koordinaten dieser atemlosen Welt im Blick behält.

Michel Decars JENNY JANNOWITZ ist eine parabelhafte Komödie auf unsere Gesellschaft, in der Innehalten zur Krankheit und Flexibilität zur Tugend geworden ist.


Regie Tatjana Rese
Bühne & Kostüme Pia Wessels
Dramaturgie Peter Hilton Fliegel

Regieassistenz Lotta Seifert
Souffllage Jannika Wübben
Inspizienz Udo Heinrichs

Mit Zenzi Huber (Jenny Jannowitz), Gerrit Bernstein (Karlo Kollmar), Johannes Simons (Doktor Pappeldorn), Alina Müller (Sybille), Sven Brormann (Der Oliver), Ramona Marx (Mutter)


Presseecho

So unterschiedlich die Bewertung der Regie ausfällt, bei der schauspielerischen Leistung sind sich die Kritiker einig: Köstlich: Alina Müller, die mit naivem Stimmchen die Dinge dennoch auf den Punkt bringt, schreibt das Jeversche Wochenblatt. Der Hauptdarsteller, Gerrit Bernstein, zeichnet in seinem Spiel die Figur des Karlo ohne hervorstechende Charakteristika, was durchaus als Plus zu werten ist, da er der Figur damit die Assoziation eines Jedermann verleiht. Und: Wie ein Fixpunkt inmitten des kafkaesk anmutenden Treibens wirkt da Jenny Jannowitz, die Karlo immer wieder ortet und erdet, und deren Ambivalenz von Zenzi Huber hervorragend dargestellt wird.

Für die Wilhelmshavener Zeitung sticht neben Alina Müller (Alina Müller verkörperte wunderbar Kollmars wechselnde Freundinnen, die eigentlich doch immer dieselbe ist.) Zenzi Huber in der Rolle der Titelfigur besonders hervor: Die Figur ist Hauptdarstellerin Zenzi Huber wie auf den Leib geschneidert, dank ihrer starken Bühnenpräsenz – sogar ohne viele Worte – bekommt das Stück mehr Tiefe und Ausstrahlung. Gerrit Bernstein feierte in der Hauptfigur sein großes Schauspieldebüt und mimte hervorragend den ständig verwirrten IT-Spezialisten, der in seiner eigenen Lebenswelt nicht mehr so richtig mitkommt.

Lob gibt es auch für Bühnenbild und Kostüme: Besondere Herausforderungen bildeten Passagen mit sprechenden Gegenständen und Sprechchören, für die eine Videoleinwand eingesetzt wurde  mit von Thomas Wolter und Björn de Groot gestalteten Filmen und Piktogrammen. Die zum Teil karikierenden Kostüme und das Bühnenbild mit einem wie eine schräge Schichttorte wirkenden drehbaren Sockelaufbau hatte Pia Wessels entworfen. Am Ende stehen die Schichten still, Karlo ruht neben Jenny Jannowitz, so das Jeversche Wochenblatt.

Eine Gesellschaft, in der die neuen Medien den Takt vorgeben – im Bühnenbild von Pia Wessels klasse umgesetzt mittels vertonter Piktogramme und kurzen Einspielern, die an einen vorgelesenen Wikipedia-Artikel erinnern und die Informationsflut passend symbolisieren, findet die Wilhelmshavener Zeitung.

Am Ende kommt das Blatt zu dem Schluss: Doch auch die hervorragende Leistung der Schauspieler konnte eines nicht verhindern: Die Inszenierung wirkte stellenweise sehr bemüht, die Komik erzwungen. Schnell drifteten die Kommentare der Figuren ins Klamaukige ab, Höhepunkt der Absurdität war eine intime Szene zwischen Kollmar und seiner Freundin, die eigentlich nur peinlich berührte.

Schade drum, denn gerade in einer Zeit, in der immer mehr Menschen eine Auszeit von der modernen Kommunikation suchen, wünscht man sich, von einem solchen Stück mit aktuellem Bezug einen bleibenderen Eindruck zurückzubehalten. Etwas, das zum Nachdenken und zum Reflektieren anregt. Doch so bleibt nach der Vorstellung nur der gedankenlose Blick aufs Smartphone, ob man nicht eine wichtige Mitteilung verpasst hat.

Ganz anders dagegen das Jeversche Wochenblatt, das von einem Wechselspiel von Verwunderung, Déjàvu-Ereignissen und zuweilen auch eigenen Wiedererkennungsmomenten spricht. Und weiter: (…) das Publikum bricht in einen langanhaltenden Applaus aus. Wenn noch Fragen offen blieben und manches nicht verstanden wurde, “macht das nichts”, tröstete Fliegel bereits bei der Einführung die Besucher: “Dann geht es Ihnen genauso wie Karlo Kollmar!”

Hier geht’s zur Radio-Jade-Kritik: http://www.radio-jade.de/?a=0200&bid=6678

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